Wie lässt sich Europa erzählen? Und welche Rolle kann Literatur dabei spielen, die Europäische Union verständlicher, greifbarer und menschlicher zu machen? Diesen Fragen widmete sich die Veranstaltung „Europa erzählen können“ mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse und dem Literaturkritiker Denis Scheck am 9. Juli im Ulmer Stadthaus. Mehr als 200 Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, mit einem der profiliertesten literarischen Europa-Denker unserer Zeit ins Gespräch zu kommen.
Im Mittelpunkt des Abends standen Menasses literarische Arbeiten zur Europäischen Union, insbesondere seine aktuelle Novelle „Die Lebensentscheidung“, aus der er ausgewählte Passagen vorlas. Im anschließenden Gespräch entwickelte sich ein lebendiger Austausch über die besondere literarische Form der Novelle und ihre Eignung, politische und gesellschaftliche Fragen aus einer individuellen Perspektive zu erzählen.
Deutlich wurde dabei auch Menasses differenzierter Blick auf Europa: Der Autor äußerte sich kritisch gegenüber aktuellen Entwicklungen und Entscheidungen der Europäischen Kommission, bekannte sich jedoch zugleich klar zur europäischen Idee. Gerade weil heute viele Menschen mit der Europäischen Union hadern, brauche es neue und überzeugende Formen, Europa zu erzählen. Menasse wählte für seine Novelle bewusst die Figur eines Kommissionsbeamten, der den Entschluss fasst, die Europäische Kommission zu verlassen. An dieser persönlichen Entscheidung werden größere politische und gesellschaftliche Fragen sichtbar. Gemeinsam mit Denis Scheck diskutierte Menasse darüber hinaus die Herausforderungen, europäische Politik literarisch zu vermitteln, sowie die Bedeutung von Humor, Ironie und erzählerischer Verdichtung für die Verständigung über Europa.
Die Veranstaltung fand im Rahmen des Internationalen Donaufests statt und wurde von Europe Direct Ulm in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung des Lands Baden-Württemberg umgesetzt. Sie machte deutlich: Europa ist nicht nur ein politisches Projekt, sondern auch eine Geschichte, die immer wieder neu erzählt werden muss.